Süddeutsche Zeitung vom Dienstag, 22.10.2002:
„Hilfe, der Cursor ist weg!“ Als vor Jahren die ersten Personal Computer in den Büros auftauchten, hörte man solche Aufschreie. Vor allem ältere Angestellte versuchten, sich um das ungewohnte Hightech-Werkzeug herumzumogeln. Und wo das nicht ging und sie mit der Maus navigieren mussten, kämpften viele von ihnen mit der Feinmotorik wie ein Fahrschüler, der zum ersten Mal rückwärts einparken soll.
Dass sich die Einstellung der älteren Generation zu den neuen digitalen Helfern inzwischen geändert hat, belegt eine von der Europäischen Union in Auftrag gegebene Studie. „Wir waren erstaunt, wie aufgeschlossen die Senioren gegenüber Technik sind“, resümiert Karl Stroetmann, der mit seinen Kollegen von der Forschungsfirma Empirica an der „Seniorwatch“-Studie mitgearbeitet hat. Darin wird untersucht, wie weit ältere Menschen Technik und Neue Medien akzeptieren. Ergebnis: Fast jeder zweite ältere Mensch in Europa besitzt ein Handy. 36 Prozent benutzen einen Personal Computer, und 22 Prozent haben einen Internetzugang.
Die erstaunlich weite Verbreitung von PC und Internet unter den älteren Menschen lässt sich darauf zurückführen, dass die Forscher bereits die Fünfzigjährigen zu den Senioren zählen. „Eine interessante Altersgruppe, denn das sind die Rentner des Jahres 2020“, sagt Stroetmann. Sie treiben die Zahlen in die Höhe: In der Gruppe von 50 bis 59 Jahren surfen rund doppelt so viele im Netz wie bei den 60- bis 69-Jährigen. Das mag damit zusammenhängen, dass diese jungen Senioren überwiegend noch arbeiten, doch es zeigt auch, dass für viele Rentner im Jahr 2020 die Benutzung von PC und Internet selbstverständlich sein wird.
Darin erkennen die „Seniorwatch“- Forscher eine Chance: Gerade der Kommunikation mit Neuen Medien messen sie eine große Bedeutung bei. Durch die Überalterung droht der Gesellschaft ein Ärztemangel. Angesichts leerer Kassen überlegen Experten bereits, ob sie eine virtuelle Patientenberatung per E-Mail oder Videokonferenz einrichten können. In der Studie bekundeten 38 Prozent der Senioren ihr Interesse an medizinischer Information aus dem Netz. Ein Drittel der Fünfzig- bis Sechzigjährigen würde sich auch per E-Mail medizinisch beraten lassen, die Älteren sind weniger daran interessiert. Eine Videokonferenz mit dem Arzt können sich immerhin noch 27 Prozent der Fünfzigjährigen vorstellen, hier nimmt die Akzeptanz bei den Älteren noch stärker ab. „Das liegt in erster Linie nicht am Medium, sondern daran, dass diese Technik kaum verbreitet ist und deshalb von den Leuten nur schwer beurteilt werden kann“, sagt Stroetmann.
Er hat bereits Videokonferenzsysteme für Rentner eingerichtet, nicht mit PC und Webcam, sondern mit Telefon und Fernseher. „Das sind Techniken, mit denen auch Ältere vertraut sind. Wichtig ist, dass es einfach zu bedienen ist.“ Die heute Fünfzigjährigen werden als Rentner zwar den Computer mehrheitlich als selbstverständlich ansehen, dennoch werden auch sie altersgerechte Lösungen bevorzugen. Sorgen machen sich die Forscher von Empirica hingegen um diejenigen, die sich eine elektronische Gesundheitsversorgung nicht leisten können oder wollen. In Anlehnung an den so genannten Digitalen Graben (zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern) in der Gesellschaft warnen die Empirica- Forscher vor einem „Medizinischen Graben“.
Ein solcher könnte sich auch auftun als Folge eines geographischen Ungleichgewichts in Europa. Denn die eifrigsten der älteren Internetnutzer kommen aus Schweden (hier surfen 47 Prozent), Holland (44 Prozent) und Großbritannien (36 Prozent). Die Forscher von Empirica machen einen von Nord- nach Südeuropa abnehmenden Anteil der Internetnutzung aus, wobei Deutschland einen Mittelplatz einnimmt und Spanien und Portugal das Schlusslicht bilden. „Das hat nur bedingt mit dem Wohlstandsgefälle zu tun“, erklärt Stroetmann, wichtiger seien die Unterschiede bei Mentalitäten und Lebensbedingungen. „Wenn Sie den Südländern die gleichen Voraussetzungen bieten, gehen zwar mehr ins Internet. Sie nutzen das Medium aber längst nicht so intensiv wie die Skandinavier.“
Alles nur Zukunftsmusik? Forscher der Universität Leipzig entwickeln bereits eine „elektronische Gedächtnisstütze“ für ältere Menschen. Das Prinzip: Senioren tragen ihre persönlichen Termine in den elektronischen Kalender eines speziell für sie angepassten Taschencomputers ein, etwa den Arztbesuch oder die Medikamenteneinnahme, und lassen sich akustisch daran erinnern.
Auch medizinische Betreuer haben über Mobilfunk Zugriff auf den PMA ( Personal Memory Assistant) und können Termine eintragen, erklärt Katrin Walther von der Tagesklinik für kognitive Neurologie der Universität Leipzig. „Wir werden dazu Betreuungscenter einrichten, die alle Daten kanalisieren und mit den Senioren Kontakt halten“, sagt die Psychologin. Wie gut diese elektronische Gedächtnisstütze bei den Senioren ankommt, und was sie sich noch alles wünschen, etwa ein Navigationssystem, wird die Praxis zeigen. Das digitale Alter hat jedenfalls begonnen.
Michael Lang
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